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Buchbesprechungen: FACHWISSENSCHAFT (Neuerscheinungen)

Stand: 12.12.2016

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KULTURWISSENSCHAFTEN

  • Empfehlungen von Prof. Dr. Waltraud Rusch


  • Göbel, Hanna Katharina; Prinz, Sophia (Hg.):
    Die Sinnlichkeit des Sozialen.
    Wahrnehmung und materielle Kultur.
    2015, 463 Seiten, 32,99 €.
    ISBN 978-3-8376-2556-1.
    transcript: Bielefeld.

  • Das große Thema dieses Sammelbandes ist das Wahrnehmen.
    Insgesamt sind es 23 Autoren und Autorinnen, die in 19 Beiträgen in den Kapiteln 1. Die  affektive Macht der Dinge, 2. Die atmosphärische Kompo- sition von Architekturen, 3. Die Ent- grenzung künstlerischer Praktiken, 4. Die Professionalisierung sinnlicher Ex- pertisen und 5. Herausforderung und Potentiale einer Soziologie der Sinne platziert sind. Aus der Perspektive der Mode- und Textilwissenschaften bzw. der Kulturwissenschaften greife ich exemplarisch einige Aufsätze heraus, die gerade auch die soziale und sinnliche Komponente des Textilen aufgreifen oder auf diese übertragen werden können.

    Hans Peter Hahn greift in seinem „Wuchern der Dinge“ die kultur- und sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit materieller Kultur auf, zu der alle textilen Objekte ebenso gehören. Er plädiert für eine phänomenologische Betrachtung unter dem Aspekt der Lebenswelt. Hier werden die Bedeu- tungen von sachkulturellen Gegen- ständen benannt, werden die sozialen Bindungen an materielle Kulturgüter herausgearbeitet. Die Geschichten, die sich hinter diesen Dingen verbergen können z.B. in unseren Bereich in Form von biografischen Ansätzen leicht übertragen werden. Eine wesentliche Bedeutung hat für Hahn dabei die Gegenwart dieser Dinge, die wir bei uns zu Hause oder auch in Sammlungen und Museen finden.

    Im ersten Moment erscheint der Beitrag von Sophia Prinz „Ein Modernismus ohne Modernisierung“ ein zu überspringender aus Sicht der Textilwissenschaften, da es um die künstlerische von Lo Bo Bardis im Nordosten Brasiliens geht. Festhakt habe ich mich dann doch am 3. Kapitel mit dem Thema „Praxis als eine ‚menschliche sinnliche Tätigkeit‘“. Hier wird jene Beziehung aufgearbeitet, die den Begriff der Praxis als eine Form der Wahrnehmung aufgreift und vertieft. Sie stellt fest, dass jedem spezifischen Praxiswissen einerseits der Prozess der Herstellung mit technischer Expertise innewohnt, andererseits legt jedes

  • fertige materielle Ding eine Gebrauchsform vor, die sinnliche Außen- welt ist und durch den Menschen als solche abgearbeitet werden muss. Begründet und vertieft sind die sozialen und philosophischen Betrachtungen mit den klingenden Namen von Edmund Husserl, Martin Heidegger und Merleau-Ponty.
    Es lohnt sich diesem Beitrag Zeit zu widmen und die Transferarbeit auf den textilen Bereich zu leisten. Robert Gugutzer widmet sich in ihrem Beitrag „Leibliche Interaktion mit Dingen, Sachen und Halbdingen – Zur Ent- grenzung des Sozialen (nicht nur) im Sport“ u.a. mit Leibqualitäten von Dingen, die nach ihm keine Neutralität aufweisen wie z.B. einem Pullover, der auf der Haut kratzt. Es geht um die Gefühle und Empfindungen, die ein Sachgegenstand im Körper auslösen und es so zu einer Verschmelzung von Sache und Körper kommt. Ich zitiere: „Dinge und Sachen werden zu leiblichen Interaktionspartnern aufgrund ihrer von menschlichen Akteuren wahrgenom- menen Leibqualitäten.“ (S. 110) Gugutzer konzentriert sich auf den Sport. M.E. gibt es viele theoretische Ansätze, die auf Kleidung und textile Objekte zu übertragen sind und eine Bereicherung für die Didaktik insbe- sondere der Primarstufe darstellen. Zum Ende möchte ich noch den Beitrag von Joachim Fischer aufgreifen „Simmels Sinn der Sinne“. Georg Simmel ist als Modesoziologe und –philosoph Pflicht- lektüre für alles Mode- und Textil- studierende. Fischer verweist in seinen Ausführungen auf die Notwendigkeit eines „vital turns“ der Soziologie der Sinne in der Gegenwart. Gerade mode- und textilwissenschaftlichen Bereich kommen wir in der Modesoziologie und –psychologie thematisch ohne Sinne nicht aus. Insofern liefert dieser Beitrag einen wesentlichen Beitrag für unsere theoretischen Begründungen.

    Insgesamt stellt der vorliegende opu- lente Sammelband viele interessante Beiträge zur akademischen Aufbe- reitung in Bezug auf Mode und Textil zur Verfügung.
    Ich plädiere deshalb dafür, einige die- ser Aufsätze als Grundlagenliteratur für das Mode- und Textilstudium auszuwählen.

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  • Hoyer, Jennifer:  Die Tracht der Fürstin.  Marie Anna zu Schaum- burg-Lippe und die adelige Trach- tenbegeisterung um 1900.
    2016, 148 Seiten, 24,90 €.
    ISBN 978-3-8309-3302-1.
    Waxmann: Münster/ New York.

    E-Book: 21,99 €, ISBN 987-3-8309-8302-6.

  • In der Reihe der Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Euroäi- schen Ethnologie wurde die preis- gekrönte Magisterarbeit der Autorin veröffentlicht.

    Hier wird das Thema bearbeitet, das sich in vielen anderen Regionen bereits ebenfalls schon sehr früh heraus- kristallisierte: Warum tragen um 1900 die Adeligen die Trachten der Bauern? Wer die legendären Sissi-Filme mit Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm gesehen hat, weiß, was damit gemeint ist. Jennifer Hoyer nähert sich dem Thema am Beispiel der Tracht der Fürstin Marie Anna zu Schaumburg-Lippe. Sie nimmt eine Objekt- Analyse  zum adeligen Umgang mit bäuerlicher Kleidung ausgehend von der Ob- jektpräsentation der Tracht der Fürstin vor.

  • Die Dokumentation der Primärquellen zeigt den besonderen Wert der Tracht des Fürstenhauses in Bezug zum gesellschaftlichen Wandel im 19. Jahr- hundert. Hoyer stellt den aktuellen Forschungsstand zum Thema dar. Auf dieser Basis arbeitet sie den Begriff Tracht (will Stand und Status ihrer Trä- ger/innen abbilden), sowie die Kon- struktionen, Symbolisierungen und vesti- mentären Wunschbilder von Kleidung heraus. In ihrer Arbeit steht der adelige Trachtenfolklorismus im Vor- dergrund, den sie als „Form kultureller Reaktion“ (S. 33) bestimmt.

    Die Autorin macht deutlich, dass Marie Anna exemplarisch den Adel als einflussreiche Gruppe der bürgerlich do- minierten Trachtenkultur darstellte.

    Die methodisch saubere, gut struk- turierte Arbeit im Rahmen der Trachten- kulturforschung erweitert die Ansätze vieler Wissenschaft- ler. Deutlich wird, dass Tracht nicht nur die Kleidung der bäuerlichen Schicht war, sondern die Akteure sich in den verschiedenen Sozi- almilieus mit unterschiedlicher Motiva- tion fanden.

    Das Buch ist sowohl inhaltlich wie auch methodisch für den wissenschaftlichen Umgang mit Trachtenkultur besonders geeignet.

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  • Lehnert, Gertrud; Weilandt, Maria (Hg.): Ist Mode queer?   Neue Perspektiven der Modeforschung.
    2016, 222 Seiten, 29,99 €.
    ISBN 978-3-8376-3490-7.
    transcript: Bielefeld.

  • Der Band 7 der Fashion Studies schafft Verbindungen zwischen Queer-, Gender- und Modeforschung mit dem Aspekt, neue Perspektiven auf Mode zu erschließen.

    In 15 Beiträgen werden systematische Reflexionen und exemplarische Analysen. Exemplarisch seien hier die Aufsätze „Queere Mode/Körper“ (Gertrud Lehnert), „Imaginäre Stofflichkeiten“ (Mari-Luise Angerer) und „Miss-Gestalten“ (Julia Burde) genannt, in denen besonders auf Mode, Kleider und Accessoires eingegangen wird.

  • Das Konzept Queer eröffnet die Verschiebung von Bedeutungen. Der Blick auf die Normierungen von Mode wird neu konstituiert. Der aufmerksame Leser wird mit verschiedenen Ausformungen von Mode konfrontiert, die nicht immer eindeutig in eine bestimmte Richtung hingerichtet sein muss.

    Das lässt viel Raum selbst über die Bedeutungszusammenhänge nachzudenken auf der Basis der Mode-, Gender- und Queerforschung.

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  • Schmelzer-Ziringer, Barbara:
    Mode Design Theorie.
    2015, 282 Seiten, 24,99 €:
    ISBN 978-3-8252-4403-3.
    UTB, Böhlau Verlag:Wien-Köln-Weimar.

     

  • Die Diplom-Modedesignerin Schmelzer-Ziringer hat ihre internationalen Erfahrungen (u.a. Jil Sander/Mailand) mit einer nachträglichen theoretischen Auseinandersetzung in Form eines Bach- elor/Masterstudiums gepaart. Heute lehrt Sie an der Kunstuniversität Linz.

    Sie hat mit ihrem Buch eine über- greifende Mode- und Designtheorie ent- wickelt, die Studierenden, Mode- und Designinteressierten sowie Kreativ- schaffenden eine Grundlage für ihre Studien liefert.

    In zehn Kapiteln, die nicht näher bestimmt, werden die Themen Design, Kommunikation, Soziologie, Modetheo- rie, Antike Kleidung, Anthropologie, Gen- der, Ethik, Architektur (Maß, Geometrie), und Fetisch zum aus sehr ungewöhnlicher Perspektive theoretisch durchdrungen.

  • Die Breite und Vielfalt der Betrachtungsweisen von Mode und Design sind wissenschaftlich fundiert darge- boten und lösen den Reiz aus, so manche Quelle im Original aufzuarbeiten. Je nach persönlicher Disposition wird man sich den diversen Disziplinen mehr oder weniger vertraut fühlen. Das Buch zeigt unmissverständlich auf, wie komplex Mode und Design sich erkären lassen, man muss ich nur darauf einlassen und man wird immer wieder neue Facetten auftun, die sich in unserer Gesellschaft manifestieren.
    Dieses Buch ist eine Fundgrube von Aspekten, von Quellen über Mode. Jeder wird etwas auftun, was er noch nicht gewusst oder zum Nachdenken anregt. Es ist nicht nur als Grundlagenliteratur für Studierende im mode- und textilwis- senschaftlichen Fachbereich zu em- pfehlen und dient hervorragend zur breit angelegten Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Mode.

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  • Witt, Eva: Arbeitsbedingungen in der Textil- und Bekleidungsindustrie in China im 21. Jahrhundert. Lösungsansätze zur zeitgemäßen Umsetzung sozialverträglicher Unternehmenspolitik.
    2016, 274 Seiten, 96,80 €.
    ISBN 978-3-8300-8976-6.
    Verlag Dr. Kovac: Hamburg.

  • Globalisierung der Bekleidungsindustrie mit ihren komplexen Produktions- und Handelsbeziehungen ist das Thema dieser Dissertation. China hat in diesem globalen Wettbewerb schon immer eine bedeutende Rolle eingenommen, die sich mit dem Quotenfall des Weltfaserabkommens 2004 nochmals verstärkt hat. Die chinesischen Ex- portzahlen steigen weiter ohne dass ich die Produktionskosten erhöht hätten.

    Die Schlüsse, die sich bezüglich der Arbeitsbedingungen, der Löhne, der Arbeitssicherheit und der gesund- heitlichen Versorgung der Angestellten ziehen lassen, werden von der Autorin herausgearbeitet.
    Der mangelnde Einfluss von CoCs (Codes of Conduct), NGOs (Non Government Organisations), Social Audits sowie die westliche und chinesische Presse wird dargestellt.

    Eine besondere Position nimmt die Problematik der Arbeitsverträge, Mindestlöhne, Überstunden, Diskrimi- nierung, Zwangs- und Kinderarbeit ein. Die rechtliche Umsetzung und das Fehlen von institutionellen Einrich- tungen zum Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter werden aufgezeigt.

  • Das wirtschaftliche Wachstum Chinas geht auf die junge Bevölkerung zurück. Diese ist sogar bereit in städtische Produktionszentren umzusiedeln.

    Diese Situation wird sich jedoch in den nächsten Jahrzehnten drastisch ändern (Ein-Kind-Politik). Die Verfügbarkeit junger Billigarbeitskräften wird drastisch sinken. Der Druck auf Löhne wird damit steigen. Die Verlagerung der Pro- duktionsstandorte hat bereits eingesetzt. Die Verlagerung wirtschaftlicher Akti- vitäten Chinas ist bereits begonnen.

    Das komplexe Wechselspiel der einzelnen Einflussfaktoren in der Wertschöpfungskette von Textilien und Bekleidung werden akribisch nachge- zeichnet. Es wird offengelegt, dass die westlichen Organisationen und Institu- tionen einen wesentlichen Beitrag lei- sten könnten, eine nachhaltige Unter- nehmenspolitik in China zu initiieren.

    Das Buch ist mit zahlreichen Statistiken und Abbildungen ausgestattet und schafft einen exemplarischen Überblick zu internationalem Wettbewerb und der Nachhaltigkeit in der Mode- und Bekleidungsindustrie.

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Letzte Änderung: Mo, 12.12.2016